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Why Have There Been No Great Female Art Historians?

Call for Papers (Deutsch)

Linda Nochlins einflussreicher Essay „Why Have There Been No Great Female Artists?“ (1971) hat ein neues Problembewusstsein für Genderdiskurse und dessen Bedingungen geschaffen. Es schien, als hätte sich die Geschichte der Kunst seither verändert: Institutionen, die sich der Ausbildung von Künstler*innen und Kunsthistoriker*innen widmeten, reformierten ihre Lehrpläne und setzten neue Themenschwerpunkte: Allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben von 1982 bis 2002 sieben explizite Kunsthistoriker*innentagungen stattgefunden. Für die europäische Kunstgeschichte haben diese Foren jenseits institutionalisierter Machtverhältnisse und habitualisierter Diskurse wichtige Impulse gestiftet, neue Netzwerke geschaffen und zu einer höheren wissenschaftlichen Gender-Sensibilisierung geführt. Auch in Berufspraxen des Museums-, Ausstellungs- oder Galeriewesens bzw. im Kunsthandel oder in der Denkmalpflege, konnten sich Kunsthistoriker*innen der folgenden Generationen erfolg- reich exponieren, andere entfalteten sich im Journalismus.

Es gibt jedoch eine Ausnahme mit gravierenden Folgen: Unter Lehrstuhlinhaber*innen an Universitäten, denjenigen also, die die Gültigkeitsvorstellungen des akademischen Faches prägen und festschreiben, sind Frauen - vor allem in deutschsprachigen Räumen - selten geblieben. Dieser perseverierende „Gendergap“ ist umso drastischer zu bewerten, als Frauen unter den Studierenden seit einigen Jahrzehnten in der Überzahl sind.

Unausgeglichene Geschlechterverhältnisse an Schaltstel- len der deutschsprachigen Wissenschaftsgeschichte des Faches lassen sich weit zurückverfolgen: Im Vergleich mit anderen Disziplinen setzt diese früh ein und formt - etwa mit Wilhelm Waetzoldts, „Deutsche Kunsthistoriker“ (1921/1924) ein Männer-fokussierendes Narrativ, an dem noch Ulrich Pfisterers „Klassiker der Kunstgeschichte” (2007/2008) festzuhalten scheint: Unter 40 rekonstruierten Werdegängen findet sich in dieser Anthologie kein einziges Beispiel einer weiblichen Karriere, während die Hälfte der beitragenden Autor*innen weiblich ist. Frauen, die im akademischen Bereich dieses Faches tätig waren und sind, erscheinen bisher kaum forschungswürdig, auch sich selbst nicht. Eine Fachgeschichte, die alle Geschlechter miteinbezieht, ist ein schwerwiegendes Desideratum geblieben.

Ziel der Tagung ist es, systematisch Wirkungsorte und Wirkungsfelder von Kunsthistoriker*innen im deutschspra- chigen wie im internationalen Raum zu erfassen und nach ihren Bedingungen zu fragen. Entsprechend der Kurien-Struktur des Verbandes sind Beiträge erwünscht, die sich den vier Sektionen beruflicher Praxen zuordnen lassen: Universität, Museum, Denkmalpflege, Freie Berufe (darunter: Galerien, Kunsthandel, Journalismus). Erst im Vergleich kann die Diskrepanz zwischen Geschlechter ausgrenzenden Kanonisierungen der Fachhistoriographie und einer genderbewussteren Berufspraxis Sichtbarkeit gewinnen. Nochlins Frage nach Gründen und Konsequenzen fehlender Genderbewusstheit muss heute – mit anderen Subjektvorstellungen - nochmals neu gestellt werden: „Why have there been no great not-male art historians?“ Denn, zweifellos gab und gibt es sie.

Wir freuen uns auf Bewerbungen für 20 minütige Beiträge (Deutsch oder Englisch) aus allen Berufsfeldern bis 31. Jänner 2021. Die Zusage der Teilnahme erfolgt bis spätestens Ende Februar 2021. Bitte senden Sie Abstracts (max. 400 Wörter) und Kurzvita per E-Mail an:

tagung@voekk.at

Reisekosten und Unterkunft der Referent*innen können nach Maßgabe der eingeworbenen Förderungen vom VöKK unterstützt werden. Eine Publikation der Tagungsbeiträgeist vorgesehen.

 

Design von Andrea Lehsiak